Flirten kann man lernen

Ein verstohlener Blick aus den Augenwinkeln. Ganz kurz nur: Wird er erwidert? Ja?! Dann gesellt sich ein erstes, schmales Lächeln zu dem nächsten, schon etwas längeren Blick dazu. So lange, bis sich die Augen endlich treffen. Explosionen in Bauch und Brust, Blitze zucken, ein Zittern beginnt. Und tatsächlich, der Herr erhebt sich, nimmt sein Glas: "Sie gestatten?". Schmetterlinge strömen durch den ganzen Körper, belagern die Zunge so sehr, dass jedes Wort über sie stolpert. Doch das Schwierigste ist überwunden, der Flirt in vollem Gange.

So leicht läuft's freilich nicht immer: "Es gibt mehr Menschen, die mit dem Flirten Probleme haben, als man meint", sagt Bettina Franzke. Singles, Zugezogene, in Trennung Lebende oder Geschiedene, die sich nach zehn, 20 Jahren Ehe fragen, wie das mit dem Flirten nochmal geht, in geschlechtstypischen Berufen arbeitende Frauen und Männer; selbst bei Menschen, die im Job keine Probleme haben, ein Gespräch zu beginnen, kann es privat ganz anders aussehen. Und weil jeder Mensch flirten kann, manche nur ein paar Tipps und Übungen brauchen, um es in sich selbst zu entdecken, hält Bettina Franzke, Diplompsychologin und Trainerin für Kommunikation und Kontakte, Flirt-Seminare.

Vorab: Beim Flirten geht es nicht um Tricks für schnelle One-Night-Stands oder nur um den Aufbau einer Liebesbeziehung. Für Bettina Franzke ist Flirten die "spielerische Kunst, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und bleibende Eindrücke zu hinterlassen". Ein Spiel mit offenem Ende, das jede Menge Spaß macht. Auch wenn ein positives Ende nicht immer zu erwarten ist, aber Hauptsache es war ein guter Flirt. "Ich finde es toll, wie sich Menschen finden," sagt die 32-Jährige. Allerdings sei die heutige Zeit sehr verkopft, vieles werde zu ernst genommen, es fehle die Spontanität, das spielerische Element.

Deshalb hat sich die Diplompsychologin drei Bausteine fürs Flirttraining zusammen gesetzt. Zuerst wird das Selbstbewusstsein gestärkt: Wie finde ich Mut, auf neue Leute zuzugehen? Wie gebe ich mir einen Ruck? Jeder soll für sich angenehme Flirtgelegenheiten suchen. Schüchterne Menschen zum Beispiel ein Fitnessstudio, Orte, an denen sie jemandem kontinuierlich begegnen und mehrere Versuche haben. Spontane Typen können's hingegen auch bei einmaligen Treffpunkten, im Schwimmbad, auf der Straße oder beim Einkauf versuchen.

Baustein Nummer zwei ist die konkrete Kontaktaufnahme: auf Körpersprache und -signale, wie Blicke und Lächeln, achten, wie man jemanden anspricht, ein Gespräch aufbaut, zur nächsten Verabredung kommt oder den anderen wieder los wird. Immer wieder sind Übungen angesagt, in denen die Flirt-Schüler lernen, dass Angst und Aufregung zu jedem ehrlichen Flirt dazugehören und dass sie jeden Flirt selbst bestimmen können. Bei Baustein Nummer drei geht es schließlich darum, wie man nach dem ersten Treffen in Kontakt bleibt.

Über allem steht die spielerische Haltung, die sich, so Bettina Franzke, auf die ganze Lebensqualität auswirkt. Und wer denkt, ein Flirt diene nur dazu, den Partner fürs Leben zu finden und dann sei Schluss, der irrt gewaltig. Selbst in einer festen Beziehung sind Flirts ganz wichtig: kleine Anerkennungen, dem Partner ein ganz spezielles Kompliment machen, das sonst kein anderer machen kann, viel lächeln und viele Blicke. Einfach um den anderen werben. "Das lässt die Partnerschaft neu aufleben, sonst besteht die Gefahr, dass das positive Spannungsgefüge, der Anreiz verschwindet", erklärt die Diplompsychologin. Denn wer flirtet, zeigt Interesse am anderen, zeigt Interesse am Leben.

Pia Hendel, Badische Neueste Nachrichten,
12. August 2001


 

 


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